DIE VERMESSUNG DER PHYSIK

von Akif Pirinçci (herzlichen Dank sagt MoshPit!)

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Erinnert sich jemand noch an Günter? Ich meine, an Günter Grass, den einstigen Gottvater-Schriftsteller der Deutschen? Neben der fleißigen Schreiberei tat er sich zyklisch als „Gewissen der Nation“ hervor. Nach Heinrich Böll, der viele Jahre vor ihm den Weg alles Irdischen ging, hatte er sich auf diesem Königsthron fest etabliert. Grass war bis zu den Kiemen ein Linker. Selbst sein Outing, als junger Mann zu jener dunklen Zeit in die Waffen-SS hineingeschnuppert zu haben, und sein antisemitischer Ausfall auf die feine englische Art zum Ende hin vermochte ihn nicht vom Sockel des stramm linken Marsch-Bläsers Deutschlands runterzuholen. Obgleich er selber die meiste Zeit auf der dänischen Insel Mön verbrachte und auch viele seiner Werke dort vollendete, ließ er sich nicht nehmen, deutsche Zustände, und diese waren für ihn irrigerweise immer total rechts und rassistisch, am laufenden Band zu bekritteln und zu beschimpfen.

Hey, es war nicht alles schlecht am Günter. Er hat ein paar tolle Bücher geschrieben, außerdem besaß er einen sehr sympathischen Zug. Das heißt, zu seinen Lebzeiten fiel das niemandem auf, weil es damals die selbstverständlichste Sache der Welt war. Obwohl Grass die rechte Gegenseite immer wieder in Grund und Boden verdammte, hat er niemals verlangt, daß sie öffentlich zum Schweigen gebracht werden solle, nicht verlautbart, daß sie kein Recht habe, im politischen Diskurs gleichgewichtig wie der linke Geist ein Wörtchen mitzureden, und hat auch nicht dazu aufgefordert, daß man deren Intellektuellen Zugang zu geisteswissenschaftlichen Inkubationsstätten verwehrt. Insofern war Günter ein echter Demokrat.

Das ist heute anders. Zunächst einmal ist „Gewissen der Nation“ zu einem lächerlichen Begriff verkommen, weil selbst die mediale Pfeife aus der letzten Reihe diesen in Tonlage und Detail für sich reklamiert und moralisierende Schablonen davon im Bandwurmlänge ausscheidet. Das Gewissen der Nation, welches selbstredend ein linkes, wenn nicht sogar ein linksradikales ist, und besinnungslos multikulturell sowieso, wird so zu einer billigen Kopie und läßt eine Inflation entstehen. Wird gar nicht mehr richtig wahrgenommen.

Zum anderen beläßt es man es nicht dabei. Es reicht nicht, daß man die Moral für sich gepachtet hat und kostenlos was vom gefaßbombten Leid der Flüchtilanten stammelt und als Beweis für den west-kompatiblen Islam die freundliche Kopftuch-Ayşe, mit der man gemeinsam Soziologie studiert hat, herzeigt. Nein, der argumentative Gegner muß auch noch als Anti-Demokrat, am besten aber als Rassist, als Nazi gebrandmarkt werden, der per se das Tor zur Hölle öffnet, wenn er den Mund aufmacht. Doch selbst das ist noch unterlassener Gefahrenabwehr. Im Besitz der einzigen Wahrheit fordert man entweder durch die Blume oder ganz offen, daß der argumentative Konkurrent überhaupt kein Forum zur Verkündung seiner Sicht der Dinge bekommen darf.

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